31 Jahre Lernwerk: Christian Bolt blickt zurück und nach vorn

«Mit einem guten Gefühl loslassen zu können, ist für mich sehr viel wert.» Christian Bolt, Gründer und Vorsitzender der Geschäftsleitung des Lernwerks, trat per 30. Juni 2026 nach 31 Jahren zurück.

Zum Abschluss seiner Zeit im Lernwerk haben wir mit Christian ein persönliches Interview geführt. Wir sprechen über Erinnerungen, Erfolge, Herausforderungen und seine Pläne für die Zukunft.

Welche lustige oder schöne Erinnerung aus Deiner Zeit im Lernwerk kommt Dir spontan in den Sinn?
Was mir spontan in den Sinn kommt, ist unsere Gründersäule, die kürzlich bei uns im Hauptgebäude im Eingangsbereich platziert wurde. Ich habe sie damals aus der alten Spinnerei in Unterwindisch, unserem ersten Standort, mitgenommen und im Büro aufgestellt. Es gab immer wieder Fragen, was es mit dieser metallenen Säule auf sich hat. Sie gibt dem Lernwerk eine Geschichte und erinnert mich an unseren Weg und unseren Aufbau. Vielleicht verstehen einige auf den ersten Blick gar nicht, was diese Säule in unserem Eingang soll. Aber genau das mag ich daran. Man darf nicht alles zu ernst nehmen. Ein gewisser Humor hat bei uns Platz, solange er niemandem weh tut.

Wenn ich aber weiter zurückblicke, sind mir unsere gemeinsamen Anlässe und Jahresabschlüsse in schöner Erinnerung geblieben. Früher sind wir mit den Mitarbeitenden zum Beispiel Schneeschuhwandern gegangen. Heute sind wir dazu schlicht zu gross geworden. Dafür haben wir andere schöne Formate wie Mitarbeitendenfeste. Besonders in Erinnerung bleiben mir auch die Anlässe, an denen Teilnehmende selbst Musik gemacht und dazu aus ihren verschiedenen Kulturen getanzt haben. Solche gemeinsamen Momente sind für mich echte Highlights.


Schneeschuhwandern 1997

Worauf blickst Du stolz zurück, wenn Du auf die Zeit im Lernwerk denkst?
Eigentlich bin ich nicht der Typ Mensch, der von Stolz spricht. Für mich passt das Wort Zufriedenheit viel besser. Es ist eine Zufriedenheit mit dem, was wir über all die Jahre aufgebaut haben, und mit dem Gefühl, dass wir wirklich Menschen unterstützen konnten.

Für mich steht immer der Nutzen im Zentrum. Wo erzielen wir eine Wirkung, wo bringen wir etwas? Auf der Ebene der einzelnen Menschen ist es für mich ein Erfolg, wenn jemand aus einer anspruchsvollen, manchmal schwierigen Lebenssituation herausfindet und einen Weg geht, den ich ihm oder ihr so vielleicht gar nicht zugetraut hätte.

Auch auf Organisationsebene definiere ich Erfolg über den Auftrag und nicht über das reine Bestehen. Es darf nie sein, dass wir uns als Organisation nur deshalb weiterentwickeln, weil wir bestehen bleiben wollen. Diese Zufriedenheit, dass wir für einzelne Menschen, aber auch für unsere Region einen Beitrag leisten, das ist für mich der eigentliche Erfolg.


Start "Starthilfe" in Unterwindisch

Gab es einen Moment, in dem Du das Gefühl hattest, das Lernwerk ist angekommen?
Ehrlich gesagt: Richtig «etabliert» ist man in unserem Geschäft eigentlich nie ganz, weil wir von so vielen Faktoren abhängig sind, die wir selbst nicht beeinflussen können. Diese Sorge, ob es weiterhin gut funktioniert, war bei mir täglich präsent. Etabliert heisst für mich, dass wir gesund finanziert sind, dass man uns für das wahrnimmt, was wir tatsächlich leisten, und dass wir bei allem, was wir tun, seriös und verbindlich bleiben. Zudem richten wir uns konsequent am Auftrag und nicht an uns selbst aus.

Trotzdem gab es für mich so etwas wie einen Meilenstein: der Standortwechsel nach Windisch vor rund drei Jahren, welcher auch viele Strukturen mit sich brachte.

Ein weiterer wichtiger Wegpunkt war sicher die intensive Zusammenarbeit mit dem Kanton Aargau. Daraus ist zum Beispiel ziemlich zu Beginn des Lernwerks die erste "Flüchtlingsvorlehre" entstanden. Dieses Pilotprojekt wurde später kantonsweit übernommen.

Was war rückblickend die grösste Herausforderung in Deiner Zeit hier im Lernwerk?
Die konstante Herausforderung über all die Jahre war eigentlich immer dieselbe: Funktioniert unser Geschäftsmodell auch weiterhin? Benötigt es von uns proaktiv Projekte, welche den aktuellen Herausforderungen im Markt entgegenkommen? Unser Grundauftrag ist aber über all die Jahre im Kern derselbe geblieben. Gerade aus dieser Konstanz heraus haben wir immer wieder proaktiv neue Projekte entstehen lassen und zum Beispiel den Geschäftsbereich Wohnen und Betreuen aufgenommen.

Wir bewegen uns in einem speziellen Spannungsfeld zwischen langfristigen Verpflichtungen und kurzfristigen Aufträgen. Wir gehen langfristige Verpflichtungen ein, stellen Personal an und investieren in Infrastruktur. Gleichzeitig erhalten wir oft eher kurzfristige Aufträge, die stetig verlängert werden. Wie viele Personen uns zugewiesen werden, können wir als sogenannter «indirekter Markt» kaum selbst beeinflussen. Mittlerweile verstehen und akzeptieren wir diesen Markt besser. Wir wissen, wie wichtig finanzielle Reserven, Flexibilität und klare Prozessstrukturen sind und haben uns darin stark weiterentwickelt.

Konkret besonders herausfordernd war sicher das Jahr 2023-2024. Wir haben gleichzeitig den Standortwechsel von Vogelsang nach Windisch und die Anpassung unserer Rechtsform in eine nicht gewinnorientierte Aktiengesellschaft gestemmt. Und das, ohne dafür zusätzliche Ressourcen zu haben, während das Tagesgeschäft natürlich ganz normal weiterlaufen musste.


Standort Windisch

Wenn Du nach vorne schaust: Worauf freust Du Dich am meisten?
Ich habe das gute Gefühl, dass das Lernwerk so angekommen ist, dass es auch unabhängig von mir auf allen Stufen weiterläuft. Das mit einem guten Gefühl loslassen zu können, ist für mich sehr viel wert.

Gleichzeitig freue ich mich auf mehr Freiheit, Zeit für meine Familie und darauf, meinen Interessen wie Geologie, Natur und Astronomie intensiver nachzugehen. Ganz zurückziehen werde ich mich aber nicht: Ich werde das Lernwerk weiterhin punktuell mit meinem Wissen begleiten und mich auch in meinen weiteren Mandaten engagieren.

Was mein nächstes «Universum» ist? Eigentlich gibt es für mich viele davon. Mich fasziniert das Zusammenspiel von allem – von der Natur bis hin zu den grossen Fragen des Lebens. Alles ist miteinander verknüpft, und genau das möchte ich weiter erkunden.


Christian Bolt am Lenrwerk-Sommer-Apéro 2026

Lieber Christian, herzlichen Dank für diese offenen Einblicke! Im Namen des ganzen Lernwerks wünschen wir Dir alles Gute für die kommende Zeit voller neuer «Universen»!


Christian Bolt in Vogelsang AG